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Presseinformation


Mai-Thu Perret
Agua Viva

14. September – 9. November, 2019
Eröffnung, Freitag, 13. September, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten, Dienstag – Samstag, 11 – 18 Uhr


Die Galerie Barbara Weiss freut sich mit Agua Viva eine Ausstellung mit neuen Arbeiten von Mai-Thu Perret zu präsentieren. Der Titel der Ausstellung zitiert Clarice Lispectors gleichnamiges Buch, eine Meditation über Zeit, Sprache und Präsenz von einer der enigmatischsten Stimmen in der Literatur des 20. Jahrhunderts. “Ich will die Atome der Zeit besitzen”, erklärt der Erzähler in Lispectors Agua Viva, “und die Gegenwart einfangen, was mir durch ihre eigene Natur verboten ist: die Gegenwart entgleitet, die Aktualität entgeht mir.“ Auf ihre eigene Art sucht auch Perrets Ausstellung einen Zugang zur Gegenwart zu finden, ohne jedoch den Augenblick fixieren, fangen oder festhalten zu wollen, sondern indem sie die Differenz der Gegenwart mit sich selbst erforscht, ihre Latenzen und Anachronismen. Dies orientiert ihre Archäologie der künstlerischen Moderne, welche hier nicht, wie so oft in der zeitgenössischen Kunst, entweder als verlorenes Ideal in einer melancholischen Elegie angerufen, oder als Gegenstand radikaler Kritik abgefertigt wird. Sie wird vielmehr auf ihre verschütteten und vergessenen Gehalte hin befragt. Wenn unsere Zeit die Rache einer fehlgeschlagenen, einer gescheiterten Moderne ist, dann spürt Perrets Ausstellung jenen anderen Anfängen nach, die womöglich noch in dieser Geschichte selbst latent sind.

Als eine zugleich marginale, fragmentarische Archäologie und eine Archäologie des Marginalen und Fragmentarischen findet die Ausstellung Gegennarrative in der Historizität einzelner Objekte, die in eine Konstellation treten. Mit einer Anspielung auf verschiedene Verwendungen des Unterwassermotivs als utopischer Nicht-Ort schlechthin, positioniert Perret die Arbeiten wie verstreute Überreste auf dem Meeresgrund. Die Skulptur She throws herself into the universe ist eine Hommage an die polnische Künstlerin Katarzyna Kobro, eine entscheidende Referenz in Perrets Auseinandersetzung mit dem Nachleben des Konstruktivismus in den letzten Jahren. Das Architekturmodell mit den steilen, sich zugewandten Treppen basiert auf Lina Bo Bardis Arbeit, ebenso wie das weiße Modell des Museu de Arte de São Paulo. Bardi, eine italienische Architektin und Designerin, die nach Brasilien auswanderte, repräsentiert gemeinsam mit Kobra und Lispector ein gegenhegemoniales Narrativ innerhalb der großen Erzählung der Moderne: weiblich, peripher, resistent gegenüber einer elitären Vorstellung von Formalismus. Die Präsentation des schwierigen Erbes der geometrischen Abstraktion in einem so fragilen Material und in einem dezidiert feministischen Rahmen stellt die Frage nach der Politik dieser formalen Sprache neu. Wenn das universalistische Moment deren bestimmende Qualität ist, so suggeriert Perret, dann kann dieser Universalismus heute nur noch ein solcher sein, der Verkörperung, Lokalität und individuelle Differenz nicht ausschließt, sondern anerkennt.

Schildkrötenskulpturen, die wie aus der Ferne an die Identifikation von Unterwasserwelten und Unbewusstem im Surrealismus erinnern, kommunizieren mit diesen historischen Zitaten, lassen Temporalitäten und Referenzen kollidieren. Auf eine ähnliche Weise verweisen zwei bemalte Teppiche mit Rorschachtest-Muster auf die moderne Erkundung des Unbewussten und des Zufalls, aber nicht ohne diese Referenz durch die dekorativ-domestische Signatur ihres Trägermediums zu brechen. Im Ganzen ist Perrets Konstellation anachronistisch-modern, Sciencefiction, verzweifelt utopisch, insistent zeitgenössisch. Eine fraktale Qualität ist auch für die zerbrochene Schaufensterpuppe aus Keramik bestimmend. Ähnliche Figuren tauchten – in intakter Form – bereits in Perrets früheren Ausstellungen unter dem Titel “Les guérillères” auf, ein Zitat des gleichnamigen feministischen Romans von Monique Wittig über eine Gruppe von Frauen, die die Kontrolle über die Gesellschaft übernimmt.

Mit ihren festen Zügen evoziert die Figur die Überzeugungskraft, die für politisches Handeln in Zeiten massiver Reaktion notwendig ist, doch mit ihrer zerfallenen Gestalt gemahnt sie zugleich an die Erfahrung von Verletzlichkeit und Fragilität in dieser Situation. Statt eine Kommodifzierung des Körpers anzudeuten, wird die Schaufensterpuppe damit zu einer widersprüchlichen Chiffre für die Herausforderungen, mit denen sich feministische Kunst und Politik in der Gegenwart konfrontiert sehen.

Die Ausstellung kann als eine loose Fortsetzung von The Crystal Frontier angesehen werden. Das 1999 begonnene fiktionale Narrativ dokumentiert die Aktionen einer Gruppe von feministischen Aktivistinnen, die sich von der patriarchalischen Gesellschaft losgesagt haben, um eine utopische Gemeinschaft zu gründen. Während der beiden letzten Jahrzehnte hat dieses Narrativ als Hintergrund für Perrets Arbeit in einer Reihe von Medien gedient, sowie für ihre Auseinandersetzung mit unterschiedlichen literarischen und theoretischen Quellen.




Press release


Mai-Thu Perret
Agua Viva

September 14 – November 9, 2019
Opening Friday, September 13, 6 – 9pm
Gallery hours, Tue – Sat, 11am – 6pm


Galerie Barbara Weiss is pleased to present Agua Viva, an exhibition with new works by Mai-Thu Perret. The exhibition’s title cites Clarice Lispector’s book of the same name, a challenging meditation on time, language and instantaneity by one of the twentieth century’s most reclusive literary voices. “I want to posses the atoms of time,” the narrator states in Lispector’s Agua Viva, “and to capture the present, forbidden by its very nature: the present slips away and the instant too.” In her own way, Perret’s Agua Viva tries to access the contemporary moment, not by possessing or holding the instant, however, but by exploring the non-coincidence of the present with itself, its latencies and anachronisms. This orients her archaeology of modernism, which doesn’t figure here, as so often in contemporary art, either as the object of a melancholic elegy or the target of relentless criticism. It is questioned about its vanished, unredeemed visions. If our present is the revenge of a modernity terribly gone astray, then Perret’s exhibition excavates other beginnings possibly still latent in this very history: tales never told.

Both a marginal, fragmentary archaeology and an archaeology of the marginal and fragmentary, the exhibition traces counter-narratives through the historicity of singular objects forming a constellation. Playing on different utopian codings of the sea in her arrangement of the gallery space, Perret positions the works like dispersed remnants on the ocean floor. With She throws herself into the universe, she pays homages to the Polish Constructivist Katarzyna Kobro, one of the signal references for her reworking of the modernist legacy throughout the last years. The architectural model with facing stairs is based upon Lina Bo Bardi’s work, as is the white model of the Museu de Arte de São Paulo. An Italian born architect and designer who emigrated to Brazil, Bardi, like Kobro and Lispector, represents a counter-hegemonic narrative within modernism: female, peripheral, resistant to elitist formalism. The presentation of the charged language of geometric abstractionism in such fragile materializations and in a decidedly feminist frame renegotiates the politics to which it seems to be keyed. Universalism might be the defining quality of these visual forms, Perret suggests, but one that is not exclusive of locality, embodiment and particular differences.

Ceramic turtle sculptures—distantly reminiscent of the identification of subsea and subconscious in Surrealism—communicate with the historical citations, letting temporalities and references collide. In a similar vein, two rug paintings with Rorschach test patterns allude to the Modernist exploration of the unconscious and contingency on the most decorative of mediums. Taken together, Perret’s constellation is untimely modernist, science-fiction, desperately utopian, urgently contemporary.
A fractal quality is also tangible in the disfigured mannequin. Such figures appeared in Perret’s previous works, in intact form, under the the title “Les guérillères,” borrowed from Monique Wittig’s eponymous feminist novel about the attempt by a group of women to take control over society. With its statue-like solidity, the work is evocative of the determinedness required for activism in times of political backlash. Yet in its disfigured state and insistent physicality, it bears witness to the vulnerability of the human body in the face of disaster. Rather than signifying the commodification of the body, the mannequin thereby turns into an emblem for the exigencies confronting feminist art and politics in the present.

The exhibition can be seen as a fragmentary continuation of The Crystal Frontier. Begun in 1999, this fictional narratives documents the actions of a group of feminist militants that exiled themselves from patriarchal society to found an utopian community. Over the last two decades, it has underwritten Perret’s work across a variety of media as well as her engagement with different literary and theoretical sources.